Positionen

Folgen des Rauchverbots für eine Rixdorfer Schankwirtschaft – Gespräch mit der Inhaberin

Der folgende Text ist die Zusammenfassung eines Gesprächs mit der Inhaberin einer Schankwirtschaft im Einzugsbereich des Karl-Marx-Platzes, die nicht genannt werden möchte. Die vorliegende Version dieses Textes wurde ihr zur Durchsicht und Korrektur vorgelegt sowie abschließend gebilligt. Dem Gespräch lag ein Leitfaden zugrunde, der einen Vergleich mit den Stellungnahmen der Inhaber anderer Schankwirtschaften ermöglichen soll.

  1. Die Schankwirtschaft verfügt über einen Gastraum von weniger als 50 m2. Die Öffnungszeiten sind täglich von 9.00 bis ca. 24.00 Uhr, Sonntags erst ab 15.00 Uhr.
  2. Das Lokal wird weit überwiegend von Stammkunden besucht, die zumeist schon gesetzteren Alters sind. Jugendliche sind überhaupt nicht vertreten. Laufkundschaft gebe es zwar auch noch, sei aber extrem rar geworden. Diese Entwicklung sei parallel zum Rückzug von immer mehr Gewerbebetrieben aus der Karl-Marx-Straße eingetreten. Der dadurch ausbleibende Kundenstrom habe sich als deutlicher Rückgang der Zahlen der Laufkundschaft bemerkbar gemacht.
  3. Möglichkeiten, einen Raucherraum einzurichten, der den gesetzlichen Bestimmungen entspräche, gebe es nicht. Dies sei das Ergebnis intensiver Überlegungen. (Selbst wenn die räumlichen Gegebenheiten vorhanden wären, bliebe immer noch das Risiko der Kosten, die sich angesichts zu erwartender Umsatzrückgänge ohnehin nicht „einfahren“ ließen.)
    Die Wirtin schätzt das Verhältnis von Rauchern zu Nichtrauchern unter ihren Gästen 60 : 40. Sie selbst sei Niemalsraucherin, d.h. sie hat zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens geraucht.
    Sie beschäftige drei Angestellte, ebenfalls in fortgeschrittenem Alter, von denen zwei rauchen. Dennoch seien alle drei gegen das Rauchverbot, weil sie fürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.
  4. Sie findet Rauchverbote in Speisegaststätten sinnvoll, ebenso in Lokalen, die stark von jugendlichen Gästen besucht werden. Aus der Perspektive der Schankwirtschaft seien Rauchverbote dagegen überflüssig, ja existenzgefährdend. Denn ein erheblicher Teil der Gäste suche dort Gemütlichkeit, die Gemeinschaft, also soziale Kontakte. Für viele sei die „Kneipe“ die einzig verbliebene Möglichkeit, der „Glotze“ zu entkommen. Ein nicht unerheblicher Teil der Gäste komme in das Lokal, um bei Bier und Gespräch zu rauchen – dadurch solle das Rauchen zu Haus ganz bewußt vermieden werden.
  5. Selbst die Nichtraucher unter den Gästen lehnten das Rauchverbot ab – denn man wolle sich mit seinen „Kumpels“ treffen, egal ob sie rauchten oder nicht. Viele Raucher wiederum verließen das Lokal wegen des Rauchverbots früher als sonst. Was wiederum zur Folge habe, auch die Nichtraucher gingen früher, weil ihre Gesprächspartner weg seien. Somit sei zu befürchten, die soziale Basis für den Kundenstamm breche weg und die Umsätze fielen unter die Wirtschaftlichkeitsgrenze.
    Sie vermutet außerdem, rauchende Gäste würden bevorzugt Lokale aufsuchen, die über Raucherräume verfügten. Das Restaurant einer größeren Kaufhauskette werbe in Berlin bereits damit, über einen Raucherraum zu verfügen. (Vgl. Zi. 7)
  6. Bereits in der Vergangenheit habe ihr Lokal Umsatzrückgänge von bis zu 40% + erlitten. Ursächlich hierfür seien der Verlust von immer mehr Gewerbebetrieben in der Karl-Marx-Straße (vgl. Zi. 2) sowie der Abbau des Sozialstaates (Hartz IV vor allem). [Anm. des Verfassers: Es hat seit 1990 zwei Wellen von „Kneipensterben“ gegeben; während der ersten Welle (Goldgräberstimmung) konnte viele Schankwirtschaften die teils grotesken Mietforderungen nicht finanzieren, während die zweite Welle mit dem Abbau des Sozialstaates einherging. Müßig zu erwähnen, daß vorwiegend Quartiere, in denen sich Armutseinkommen ballen, davon betroffen waren bzw. sind.]
    Nicht zuletzt aufgrund der wirtschaftlichen Einbrüche in der Vergangenheit verfüge sie über Reserven, die ein wirtschaftliches Überleben maximal für drei, bestenfalls vier Monate erlauben würde.
    Hinsichtlich der allgemeinen wirtschaftlichen Situation des Gastgewerbes befragt, äußert sie die Erwartung, als Folge des Rauchverbots würden noch mehr Schankwirtschaften aufgegeben werden müssen. In verringertem Ausmaß gelte dies auch für Speisewirtschaften, weil die Verweildauer vieler Gäste abnehmen werde und auf diese Weise Umsatzrückgänge entstünden.
  7. Durch die Vernichtung vieler Schankwirtschaften drohe dieses Kulturgut vernichtet zu werden (vgl. Ziffern 4 + 5). Immer mehr Menschen würden in die soziale Isolation getrieben, weil es immer weniger Möglichkeiten zum Durchbrechen der Vereinzelung geben würde. „Gewinner“ (im doppelten Sinne, Verf.) wäre die sog. „Systemgastronomie“, die aber darauf angelegt ist, möglichst viele Kunden (nicht Gäste!) durchzuschleusen, so daß deren Ambiente nicht zum Verweilen einlädt.
  8. Was Probleme bei der Durchsetzung des Rauchverbots den Gästen gegenüber anlangt, erklärt sie resolut: Zwar hege sie bei ihren Stammgästen keinerlei Befürchtungen, jedoch fühle sie sich nicht als deren Gouvernante: sie finde es grotesk, sich ihren Stammgästen gegenüber, von denen schließlich ihre wirtschaftliche Existenz abhänge, als Erziehungsberechtigte aufspielen zu sollen.
    Fremden gegenüber hege sie keinerlei Bereitschaft, sich als Tugendwächterin bzw. Sittenpolizei aufzuspielen – das gleiche gelte für angetrunkene Personen (die nicht zur Stammkundschaft zählen). Sie ist empört über die Verpflichtung von (Rauchverbots)Gesetzes wegen zur Inkaufnahme von Körperverletzungen. (Der Verweis auf den Polizeiruf sei lebensfremd, weil zwischen Alarmierung und Eintreffen der Bereitschaft bereits großer Schaden entstanden sein kann.)
  9. Die Rixdorfer Wirtin hofft auf eine Aufhebung bzw. Lockerung des Rauchverbots wenigstens für Schankwirtschaften – auch wenn ihre Erwartungen nicht allzu groß sind. Am besten wäre ihrer Ansicht nach, es den Wirten zu überlassen, ob ihre Lokale eine Raucherkneipe sein wollten oder nicht (bei ggf. Kennzeichnung als solcher).
  10. Der Mietvertrag über die Räumlichkeiten ihrer Gaststätte laufe noch länger als ein Jahr –eine Ausstiegsklausel sei nicht vorgesehen. Ein Verkauf sei nicht möglich, weil es angesichts der ungewissen wirtschaftlichen Zukunft keinen Markt mehr gebe. Eine Neuvermietung sei daher ebenfalls extrem unwahrscheinlich.
    Für den Fall dauerhaft einbrechender Umsätze stehe sie vor der Insolvenz. Da sie nur noch wenige Jahre bis zur Rente habe, sei der Versuch, in der Gastronomie einen Job zu finden, schon aus Altersgründen aussichtslos.



11.07.2008 koll